Live aus der Kuschelecke

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 10.03.2007

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Kategorie: Kolumne

Mupfel, Hops und Schnuff

Unser Kind ist zweieinhalb und weiß, wie es heißt. Na und, könnte man denken. Doch für mich ist das eine Leistung, die mich zutiefst beeindruckt. Muss der Kindergarten dran schuld sein. Wir zumindest waren es nicht. Ich kann mich nur an wenige Male erinnern, bei denen wir unsere Tochter mit ihrem Geburtsnamen bezeichneten. Denn eigentlich heißt sie ja Mupfel. Oder Hops. Gerne auch mal Mieps oder Schnuff. Was uns gerade einfällt.

Sie scheint nichts dagegen zu haben und reagiert auf so ziemlich jede Anrede. Naja, meistens. Wie Kinder eben auf Anreden reagieren: anfangs gar nicht und seit sie sprechen kann, mit einem leicht genervten „komme gleich“. Aber sie scheint zu wissen, dass sie gemeint ist. Erstaunlicherweise kennt sie ihren Namen nicht nur, sondern benutzt ihn sogar, wenn sie von sich erzählt.

Sicher, wir haben uns in nächtelangen Sitzungen/Streits irgendwann auf einen für sie geeinigt, und der steht auch in diversen offiziellen Dokumenten. Das war’s dann aber auch. Wenn ich mir auf dem Spielplatz oder im Kreis der Freunde andere Eltern anhöre, habe ich das Gefühl, dass wir keine Ausnahme sind. Kaum ein Kind wird so geheißen, wie es heißt.

Die unzähligen Verniedlichungen mit –chens und –leins sind da noch harmlose Varianten. Aus denen kann das aufgeschlossene Kleinkind bestimmt irgendwann seine korrekte Bezeichnung extrapolieren.

Auch in Lotte-Pü und Klausemann lässt sich noch der Ursprung erkennen. Schwieriger wird es da schon mit Zustandsbeschreibungen wie Zwergenfuß und Hasenzeh. Oder mit Neuschöpfungen wie Tüddelchen, Zusselschnecke, Mocksefrosch … Auch Nummerierungen oder nüchterne Umschreibungen wie Bruder, Tochter und so weiter werden offensichtlich gerne verwendet und sind sicher auch nicht sehr hilfreich.

Gänzlich aussichtslos scheint mir die Lage bei kompletter Umbenennung, wie sie zum Beispiel einer Kollegin mit dem schönen Namen Maike widerfuhr: Ihr Vater pflegte sie anzureden mit Emma Freifrau von Hotzenplotz, geborene Dickbill zu Buxen. Warum auch immer.

Und das sind nur die halbwegs reizenden Varianten. Angesichts von Etiketten wie Schneckenschiss, Rattenzahn oder Mäusefurz scheinen mir nicht nur die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch die psychischen Folgen solcher Zuwendungen völlig unterschätzt. Ich zum Beispiel denke heute noch mit Scham daran, wie mein Vater mich zu nennen pflegte. Dagegen waren die Worterfindungen meiner Mutter geradezu harmlos. Auch wenn sie, noch als ich vierzehn Jahre war, über die Straße nach einem Murkelchen rief – wenn sie tatsächlich mich gemeint haben sollte.

Die einzigen Situationen, in denen ich meinen Klarnamen hörte, hatten etwas mit erhobenen Stimmen und Aufforderungen wie „Lassas sein!“ oder „Fingerweg!“ zu tun. Es gab eine Zeit, da hätte ich lieber einfach Sohn geheißen, von mir aus auch Nummer eins. „Neinkai“ zumindest fand ich doof.

Ich fürchte, unserer Tochter geht das nicht anders. Wir hätten ihr mehrere Vornamen geben sollen. Damit sie was zum Ausweichen hat. Oder wir bleiben bei den Provisorien und lassen sie selbst entscheiden, wie ihr Name lautet soll. Spätestens mit dreißig Jahren wird sie es dann ja hoffentlich wissen.