Live aus der Kommune

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 08.10.2005

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Kategorie: Kolumne

Neue Wege zur inneren Ruhe

Wir haben das persönliche Eigentum abgeschafft. Warum auch nicht? Meine Zahnbürste, deine Zahnbürste – völlig wurscht, wem sie gehört, wenn sie sowieso dauernd verschwunden ist. Nimmt man eben die, die noch da ist. Igitt, sagen Sie? Ach was, es gibt Schlimmeres. Dass meine Schere weg ist, zum Beispiel. Nicht, dass wir nicht noch mehr Scheren hätten, doch diese eine war leider die einzige, mit der ich etwas anfangen konnte. Als Linkshänder hat man da so seine Probleme, scherentechnisch. Doch erklären Sie das mal der Anderthalbjährigen, die hier durch die Gegend rabautert. Genau.

Da das sinnlos ist, haben wir das Eigentum abgeschafft. Alles gehört allen. Alles wird geteilt: Essen, Bett, Klamotten, Musik. Gut, einfach war es nicht. Es dauerte eine Weile, bis unsere Tochter uns überzeugt hatte, dass man CDs nicht unbedingt alphabetisch in Regalen ordnen muss, sondern sie auch in strategisch verteilten Haufen auf dem Boden aufbewahren kann. Aber, hey, sie hat Recht, ist viel praktischer so. Zumindest, solange man nicht auf den Hüllen ausrutscht und sich das Steißbein bricht. Besucher schauen zwar etwas skeptisch, sind jedoch sofort überzeugt, wenn es an die Musikauswahl geht – das neue System ist unschlagbar bei der Zusammenstellung eines Potpourris nach dem Zufallsprinzip.

Zugegeben, bei einigen Dingen ist der doch sehr eigene Ordnungssinn des Kindes etwas hinderlich. Bei den erwähnten Scheren zum Beispiel. Oder bei der Garderobe. Eine schwarze und eine graue Socke an den Füßen mag bei den Kollegen noch als morgendliche Schusseligkeit durchgehen. Wenn man aber erst mittags zur Arbeit erscheint, weil eine der beiden Lieblingssandalen der Göre verschwunden war und trotz stundenlanger Suche partout nicht auftauchen wollte, bekommt man doch schon einmal finstere Blicke. Auch der Zeitaufwand zum Finden wesentlicher Schlüssel hat sich erheblich gesteigert, seit unsere Tochter deren Aufbewahrungsort bestimmt. Täglich neu versteht sich, Abwechslung muss sein. Doch was tut man nicht alles für das Kinderglück.

Und auch uns geht es – abgesehen von gelegentlichen Verzweiflungsanfällen bei der Suche nach Manschettenknopf oder Erbschein – viel besser. Kein Stress mehr durch nervende Finger-weg-das-ist-Papas-Jagdgewehr-Debatten, keine Tobsuchtsausbrüche. Unsere Nachbarn sind dankbar und wir viel ausgeglichener. So ein Kind eröffnet ganz neue Wege zu Erleuchtung und innerer Ruhe. Hat eben durchaus Vorteile, in einer Kommune zu leben. Auch wenn wir uns an die eine oder andere Neuerung erst gewöhnen mussten.

An die fehlenden Türen, zum Beispiel. Die konnten natürlich nicht drin bleiben. Das haben wir dann auch verstanden, schließlich will das Kind seine Neugier befriedigen. Klar doch, da darf man nicht im Wege stehen. Nachher zieht man sich so ein Null-Bock-Monster groß, wenn der juvenile Wissensdurst zu früh beschnitten wird. Warum also nicht auch den Toilettenbesuch zu einem lehrreichen Ereignis machen? Sicher, das mit dem Toilettenpapier war anfangs schwierig. Irgendwann haben wir es dann aber aufgegeben, die konfettiartigen Kunstwerke noch verwenden zu wollen. Jeder von uns trägt jetzt immer seine Papierration am Mann, da kann nichts schief gehen.

Seit wir ein demokratisches Wahlsystem eingeführt haben, ist es auch kein Problem mehr zu entscheiden, ob es Pommes oder Ratatouille geben soll. Bei drei Stimmberechtigten findet sich immer eine Mehrheit. Manchmal haben wir Eltern dabei sogar eine demokratische Chance. Zumindest, solange da nicht noch ein Geschwister kommt, oder zwei oder drei.