John Jeremiah Sullivan: Aus Disney World gibt’s kein Entkommen

Erschienen in: ZEIT ONLINE, 03.10.2012

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Kategorie: Feuilleton

In der Reportagesammlung "Pulphead" beschreibt John J. Sullivan nicht nur sein Land, sondern immer wieder sich selbst. Und erschafft gerade dadurch großartige Essays.

Neutraler Journalismus ist eine Fiktion. Beobachter haben Meinungen, die selbstverständlich das beeinflussen, was sie wie beobachten. Reportagen machen sich diese Subjektivität zunutze, der Leser soll durch die Augen des Reporters auf das Geschehen blicken. Zum Thema aber machen sich Reportagen diese Einflüsse meist nicht: Der Berichtende bleibt entrückt und im Dunkel, das Ich ist verpönt.

Der amerikanische Journalist John Jeremiah Sullivan (Jahrgang 1974) verwendet das Ich in praktisch all seinen Reportagen. Insgesamt fünfzehn davon, erschienen zwischen 1999 und 2011 in verschiedenen Magazinen, versammelt sein Buch Pulphead, das nun auf Deutsch erschienen ist. Es sind Reisen durch Amerika, in denen er sein Land und seine Gesellschaft beobachtet und dabei immer auch sich selbst. In jedem der Texte spielt auch er eine Rolle.

Sullivans Berichte wirken eher, als sei er ein Blogger, der im Netz eine Art Tagebuch veröffentlicht. Er schreibt all das auf, was aus einer klassischen Reportage rausfliegen würde: seine eigenen Irrtümer, seine Vorurteile, seine Abneigungen, seine Vorlieben. Sie sind Teil der Geschichten, die er erzählt. Das Ich dient ihm nicht dazu, sich selbst zu erheben, zu zeigen, wie großartig er ist. Sullivan nutzt es, um sich zu erklären, seine Fragen, seine Haltung, seine Gedanken.

Er macht aus seinem Fan-sein keinen Hehl

“Ich brauchte zwanzig Minuten, um zu verstehen, was mit unserem Gespräch nicht stimmte: Es machte mir Spaß. Normalerweise ist man angespannt, wenn man Fremde befragt, man hat Angst vor einer Blockade oder dass man vergisst, die einzige wichtige Frage zu stellen. Aber seit wir uns hingesetzt hatten, war ich völlig entspannt.”

Das ist aus Der wahre Kern der Wirklichkeit, einer Begegnung mit einem Darsteller aus einer MTV-Reality-Show, deren Fan Sullivan seit Jahren ist. Er macht aus seiner Vergötterung kein Hehl, und gerade deshalb ist es ein großartiges Stück. Er schafft es, nicht nur sein Fantum zu thematisieren, sondern es auch zu reflektieren. Das gibt dem Leser die Chance, die Einflüsse zu beurteilen, denen der Autor unterliegt. Womit er letztlich auch den Gegenstand seiner Beobachtung genauer erklärt.

Wenn Sullivan sich gut unterhält, erwähnt er es, wenn er verwirrt ist oder sich langweilt, erwähnt er das ganz selbstverständlich auch: “Ich setzte mich auf den Fahrersitz und sah durch das getönte Glas zu, wie kleine Christengrüppchen vorbeizogen. Sie sahen aus, wie Leute überall aussehen, nur heiterer und eigenständiger. Vielleicht sahen sie aber auch nur aus, wie Leute überall aussehen. Was weiß ich. Meine Pseudo-Anthropologen-Energie war aufgebraucht. Ich stieg aus und wanderte herum.”

So beschreibt er in Auf diesem Rock will ich meine Kirche bauen nicht nur die Geschichte des christlichen Rockfestivals, das er besucht. Er berichtet auch von seinem eigenen Glauben, von seiner “Jesus-Phase” und was in dieser Zeit mit ihm passierte.

Ein Bericht über den Besuch mit seinen Kindern und Freunden in Disney World in Florida, ist gleich ganz in der Ich-Perspektive geschrieben. An sich selbst erzählt Sullivan das Elend und den Irrsinn dieser Parkkultur. Er erzählt von Sonnenbrand und dicken Ärschen, von Machtmissbrauch und Ausbeutung, von heulenden Kindern und dem Versuch, “ein gutes Disney zu haben”.

Und er erzählt von seinem Freund Trevor. Der kifft und verwendet ziemlich viel Mühe darauf, unbeobachtete Ecken zu finden, die nicht von Kameras oder Sicherheitsleuten überwacht werden, um einen Joint zu rauchen. Trevors Wahnsinn spiegelt den des Systems Disney: “‘Und nicht vergessen’, flüsterte er: ‘Immer bereit sein, abzuhauen.’ Als könnte man in Disney World tatsächlich davonlaufen, wo es überall Kameras gibt und unterirdische Tunnel und eine private Polizeitruppe. Abhauen wohin?”

Seine Reportage über die Folgen des Hurrikans Katrina besteht zur Hälfte aus Erlebnissen der Opfer. Die andere Hälfte ist etwas, das er selbst erlebte, als er stundenlang für Benzin anstand: “Die kalten Instinkte, die in solchen Augenblicken übernehmen, befahlen mir, nicht wütend zu werden, sondern immer wieder zu erklären, was passiert war: Ich sagte: ‘hör mir zu, Mann! Ich stehe seit Ewigkeiten in dieser Schlange. Lass mich erklären –”

“Keine Ahnung, was wir voneinander dachten”

Die Situation eskaliert nicht, Sullivan passiert nichts, und die Szene ist angesichts der Zerstörungen in der Region und angesichts der Härte der Krise auch banal. Doch dank seiner Gedanken und Reflexionen dazu sagt dieses Erlebnis mindestens genauso viel über den Zustand der Menschen dort, wie ihre eigenen Worte: “Aber den ganzen Rest der Wartezeit dachte ich, dass das tatsächliche Ende der Welt genauso beginnen würde. Anstatt nur zu starren, wären die anderen aus ihren Autos gestiegen und hätten sich ihm [einem Mann, der Sullivan anbrüllte] angeschlossen. Niemand wäre Schuld gewesen.”

Sullivan recherchiert eine Menge, er hat offensichtlich tiefe Kenntnis von den Themen, über die er schreibt. Selbstverständlich macht er auch diese Recherchen transparent und berichtet, was er wo gefunden hat oder auch nicht.

Dazwischen gibt es Beschreibungen, die viel über den Autor, noch mehr aber über das Land sagen, das er durchreist: “Wir schauten uns die Leute an. Damit verbringt man die meiste Zeit in Disney World. Es ist in allererster Linie ein Ort, an dem Menschen andere Menschen beobachten, um sich zu vergewissern, dass man gemeinsam dort ist, dass dieser Ort es wert war, von überall auf der Welt anzureisen. Keine Ahnung, was wir voneinander dachten, als wir uns ansahen. Als Disney World gebaut wurde, verkörperte es eine weithin geteilte Idee von Amerika als einer reinen kapitalistischen Fantasie. Diese Idee vermittelt es heute nicht mehr; die Idee ist nicht mehr verständlich. Ich weiß nicht, was es heute vermittelt. Die alten Werte sind verloren, die neuen nicht identifizierbar.”

So viel Zweifel einzugestehen, muss ein Autor sich erst einmal trauen. Und genau das macht seine Texte so großartig. Und so neu.