Ein Draufhauer, der hüchelt & ramentert

Erschienen in: Das Magazin, 26.04.2006

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Kategorie: Portrait

Der Satiriker Wiglaf Droste kämpft so ziemlich allein und so ziemlich gegen alle. In einer Zeit voller Harald Schmidts, in der echtes Engagement selten geworden ist, wirkt er damit schnell mal altmodisch

Es kann als gesichert gelten, daß der Studienabbrecher Wiglaf Droste, der sich lange selbst als Journalist betrachtete, inzwischen der Dichtergattung der Satiriker zuzurechnen ist. Auch wenn die Meinungen über Art und Qualität seiner Werke auseinandergehen. Sie reichen von “verkrachter Provinz-Literat” (Wolf Biermann), über “Wortalkoholiker” (Maxim Biller), bis hin zu “Tucholsky von heute” (Willi Winkler). Nur, um mal die Bandbreite deutlich zu machen.

Im Grunde wurde der heute 44jährige Droste dadurch bekannt, daß er in der kleinen linken Tageszeitung taz spöttische Texte verfaßt. Inzwischen tut er das auch für die Junge Welt, das Radio und manchmal für Frankfurter Rundschau und Süddeutsche Zeitung. Es läßt sich nicht leugnen, daß er dabei gerne mal draufhaut. Die Chance, schon einmal von ihm beleidigt worden zu sein, ist hoch, hat er doch so ziemlich jede Zielgruppe bereits verspottet. Vor Schwulen macht er genauso wenig halt wie vor Müttern, Rentnern oder Kardinälen: “Du willst sein wie Jesus Christus? Nimm den Hammer, und dann bist du’s!” So ungefähr klingt das dann. Wenn er will, kann er auch härter.

Seine liebsten Feinde sind Dummheit und Ignoranz. Ein aussichtsloser Kampf, doch er kämpft ihn hartnäckig. Mit schöner Regelmäßigkeit werden die Kolumnen, Reportagen und Gedichte schließlich zu Büchern zusammengefaßt, mit denen er lesend das Land bereist. Das erhöht die mediale Halbwertzeit und auch die Bekanntheit. Außerdem singt er mit dem “Spardosen-Terzett” selbst gemachte oder gefundene Lieder, hat das Kabarett-Projekt “Benno-Ohnesorg-Theater” mitgegründet und gibt gemeinsam mit einem Freund die kulinarische Zeitschrift “Häuptling Eigener Herd” heraus.

Sein Wirken ist vielschichtig. Unstrittigerweise jedoch wird er in der Öffentlichkeit vor allem aufgrund seiner Kritik an herrschenden Verhältnissen und seines ironisch-witzigen Tonfalls wahrgenommen. Wäre er schon tot, würde er wahrscheinlich als kontrovers bezeichnet. Doch da er sich eines erfüllten Lebens erfreut und man sich so schön an ihm reiben kann, wird er auch schon mal “Ein-Mann-Exekutionskommando des deutschen Journalismus” (Süddeutsche Zeitung) genannt.

Ein Satiriker also. Diese Gattung gedeiht vorwiegend in soziologischen Nischen. Im Falle des aus Ostwestfalen exilierten Droste ist das seit 20 Jahren Berlin-Kreuzberg. Glücklicherweise ist der Satiriker an sich nicht medienscheu, was seine Beobachtung erleichtert. Das Verabreden fällt dementsprechend leicht, und auch ein erstes Verfehlen führt nicht zu einer Störung der grundsätzlichen Bereitschaft zur Mitarbeit. Wiglaf Droste ist, das kann hiermit versichert werden, freundlich, nachsichtig und höflich. Hinter der spöttischen und provozierenden Art verbirgt sich ein offensichtlich warmherziger Mensch, der sich selbst gern als “flauschig” bezeichnet. Das mag kokett sein, doch ist es auch irgendwie sympathisch.

Treffen im Dämmer eines biotopentypischen Cafés. Drostes Auftritt erfolgt pünktlich, mit schwarzem Mantel und schwarzem Hut. Vor allem letzterer erinnert an Truman Capote, soll aber nach Auskunft des Trägers lediglich Erkältungen verhüten. Doch legt er diese Utensilien zügig ab, und dann sitzt man sich gegenüber.

Was an sich schon interessant ist. Der Mann hat einen Schädel, der an die Turmfront eines Panzers erinnert. Breit und wie geschaffen, ihn durch Wände zu rammen. Oben drauf ein paar grau werdende Löckchen, mitten drin zwei aufmerksame Augen, die so weit auseinander stehen, daß es nicht gelingt, in beide gleichzeitig zu schauen. Untendran hängt ein kräftiges Kinn, das sich gut eignet, um mittels Vorschub wichtige Aussagen zu betonen. Wozu es denn auch gern eingesetzt wird. Außerdem ist es unrasiert, was im Kontrast zum übrigen Auftreten den Anschein vermittelt, der Besitzer wolle sich das Aussehen desjenigen geben, der nicht auf sein Aussehen achte.

Mit so einem Habitus kann man eigentlich nur Schweinezüchter werden. Oder eben Schriftsteller.

“Herr Droste, sind Sie ein Terrorist?”
Er lacht, ist amüsiert. So etwas macht ihm offensichtlich Spaß. Trotzdem, er nimmt die Frage ernst. “Ich habe tatsächlich mal damit geliebäugelt. Ende der 70er Jahre gab es so eine Kopf-ab-Stimmung in der Bundesrepublik…” Der Satz versickert, die Blick geht in die Ferne. Das war ehrlich. Doch sofort fällt ihm wieder ein, dass er ein Publikum hat und was er ihm schuldig ist: “Ich eigne mich aber nicht für den Genickschuss. Und ich bin sehr froh, daß ich nicht in der Lage gewesen wäre, Hans-Martin Schleyer zu erschießen. Die Vorstellung ist genauso grauenhaft wie die Vorstellung, Hans-Martin Schleyer gewesen zu sein.” Nette Sottise. Der Versuchung, schöne Sätze zu sagen, erliegt er gern. “Künstler sind”, das hat er selbst einmal geschrieben, “immer gefährdet, ins Eitle abzurutschen”. Sollen sie ruhig. Zum Abschluß, da ist er gründlich, kehrt er zur Frage zurück. Wenn auch mit einer glatten Lüge: “Ich tauge nicht zum Krieger.”

Und wie er taugt. Kaum ein Journalist, abgesehen vielleicht von Günther Wallraff, wurde so oft verklagt wie Droste. Elf Tage saß er 1988 in Untersuchungshaft, weil ein Berliner Staatsanwalt der Meinung war, er habe bei den Maikrawallen nicht nur demonstriert sondern
Steine geworfen. Zweimal verklagte ihn allein die Bundeswehr, weil er ein Gelöbnis störte und Soldaten Waschbrettköpfe nannte. Sicher ging ein nicht unerheblicher Teil seiner Honorare für Gerichtskosten drauf. Ändern wird ihn das nicht. Er hat sich schon vor langer Zeit für den Kampf entschieden, nur eben nicht mit dem Schwert. Oder, wie er dem Richter sagte, vor dem er 1988 stand: “Ich schreibe keine Steine, ich werfe Texte.” Manchmal gleichen diese allerdings eher Nagelbomben, die jeden erwischen, der sich in der Nähe befindet.

“Haben Sie nicht manchmal Angst, daß Sie Unschuldige treffen könnten?” – “Habe ich schon getan. Dann habe ich mich entschuldigt.”

Man glaubt es ihm. Auch, daß ihm solche Sachen beim Schreiben “unterlaufen”. Manchmal, sagt er, brauche er ein paar Jahre, um überhaupt zu merken, daß er etwas “Saumäßiges” geschrieben habe. “Wenn jemand unfair spielt, dann ist der Wunsch, unfair zurückzuspielen, nahe liegend, aber falsch. Beim Handball hieß es früher bei einem üblen Foul: Hand geben, merken.”

Das gelingt Droste nicht immer. Es gebe eben unterschiedliche Arten, mit den Zumutungen der Welt fertig zu werden. Gelegentlich funktioniere das “ganz entspannt in einer eleganten Ausweichbewegung”. Er erzählt das, als rede er von einem selten erreichten Ideal. Eher schon liest man von ihm Sätze wie diesen: “Der Klügere gibt nach. Das hat der Dummheit noch immer zum Sieg verholfen.” Klingt näher an der Realität. Wiglaf Droste gibt nicht nach. Das klingt dann beispielsweise so: “Zu Michael Rutschky fällt mir nichts mehr ein. Da kann man nur noch draufhauen.” Rutschky, ebenfalls taz-Autor und damit unter eine Regel fallend, die besagt, daß in der taz nicht über die eigenen Leute hergezogen wird, gilt als einer der vielen Chronisten der 68er Generation und gehört für Droste zu den “Schranzen und Speichelleckern”, die sich Gerhard Schröder “heranzüchtete”, und die ihm “öffentlich zum Munde schrieben” und damit die Zeitungen “vollends auf den Hund brachten”.

Und auch wenn er seinen Ärger über den Mann schon zu Papier brachte, erledigt ist er nicht: “Das ist so dumm und tut so schlau und das ist so fadenscheinig und so schlecht…” An dieser Stelle klingelt das Mobiltelefon und stoppt ihn.

So, da sitzt er wieder. Massig, äußerlich ruhig. Doch unablässig polken seine Finger aneinander herum und manchmal vibriert auch ein Knie. Steckt viel Energie in dem Mann. Warum er kämpft? Manchmal, sagt er, würden einem Händel angetragen, die man annehmen muß. Er werde einfach sauer, wenn man sein Gefühl für Schönheit beleidige. Sein Gefühl für Schönheit ist ausgeprägt, wie an seinen Texten unschwer zu erkennen ist. Es brömmelt bei ihm, schrebbelt, ramentert und hüchelt. Da wird gedömkert und gemochelt und gejengelt. In der Schule lernt man so etwas nicht. Er selbst behauptet, man lerne es in Ostwestfalen. Mag sein, doch muß man die Schönheit dieser Worte auch dort erst einmal erkennen. Und wenn andere das nicht tun, wird er eben sauer. Das passiert ziemlich oft. Ob das vielleicht an seinem Gefühl für Schönheit liegen könnte? “Ich weigere mich, es peu à peu der Hässlichkeit der Welt anzupassen.”

Das ist keine Pose, so etwas nennt man Haltung, und Wiglaf Droste hat eine Menge davon. Er wird wohl nie aufhören, sich in Essays, Gedichten und/oder Liedern über den Deutschen an sich, oder wie er formuliert, den “strafvollzugsgierigen, kriegslüsternen und autoversessenen deutschen Volkskörper” zu erregen. “Humor ist eine Waffe, eine Haltung zur Welt. Man gibt sie nicht auf, wenn sie anfängt etwas zu kosten – das ist das Wesen einer Haltung.” Das hat er ebenfalls mal geschrieben und das meint er ernst. Warum er kämpft? Er kann nicht anders.

In einer Zeit voller Harald Schmidts, in der echtes Engagement selten geworden ist, wirkt er damit schnell mal altmodisch und wie ein Windmühlenreiter. Doch ist ihm das wurscht. Schließlich gehe es allein darum, welchen Preis man zahlen müsse, um in dieser Welt zurechtzukommen. Und wenn der Preis sei, wegzugucken und sich Dinge schön zu lügen, dann könne er den nicht zahlen. “Ich habe keine Wahl. Ich kann es mir nicht schön lügen.” Also kämpft er. Gibt den Fels in der Brandung, an dem andere sich gerne abarbeiten dürfen. Wobei er einen großen Teil der Brandung mit seinen gezielten Provokationen praktischerweise selbst erzeugt. Er gehe eben gerne dahin, “wo es wehtut”.

Zur Not auch ihm selbst. So verfaßte er als Beitrag zur Debatte um “das Modesujet der Saison 1992/93, Kindesmißbrauch” einen Text, in dem er sich selbst als im Park Schokolade verschenkenden Onkel beschrieb und berichtete von seiner Angst, dafür von aufgebrachten Feministinnen als Kinderschänder gejagt zu werden. Anschließend jagten sie ihn zwar nicht als Kinderschänder, dafür aber als “Sexisten” und “Täterschützer”. Außerdem trugen ihm die Texte “Der Schokoladenonkel bei der Arbeit” und die Fortführung in “Zur Dialektik von Vatermutterkind” diverse dank Pfeifkonzerten abgebrochene Lesungen und einen Buttersäureangriff ein.

Er sendet durchaus deutliche Ironiesignale. Verstanden werden sie nicht immer. Und er gibt zu, daß deren Einsatz auch nicht uneingeschränkt sinnvoll ist. “Ich kann verstehen, daß manche Leute eine Aversion gegen Ironie haben und sagen, ich will jetzt wissen, was echt ist.” Andererseits gelte aber auch der Satz von Sigmund Freud: “Der Tag, an dem ein Mensch zum ersten Mal ein Schimpfwort in den Mund nahm, statt einen Speer in die Hand, war der Tag, an dem die Zivilisation begann.” Ironie ist für ihn eine große Kulturleistung und eines der Mittel “die wir anwenden, um uns nicht totschlagen zu müssen”. Man könne das gar nicht hoch genug einschätzen. Was vor allem für ihn selbst gelten dürfte. In zweifacher Hinsicht. Einerseits wirkt seine Ironie oft wie ein Versuch, die ohnmächtige Wut irgendwohin zu tun. Andererseits verdankt er dieser Kulturleistung durchaus sein Leben. Es gibt Gegenden auf der Welt, da wäre er längst gelyncht worden. Droste allerdings findet, daß das “an den Anderen” liegt, nicht an ihm. Manche Menschen verlangten geradezu danach, beleidigt zu werden, es sei “ihre größte Lust”. Warum sonst, fragt er, würden sie sich patriotische Gefühle anschaffen, wenn nicht, um sie verletzt zu sehen?

Wer weiß das schon. Wiglaf Droste zumindest übernimmt die Rolle gern. Mit so einem Verhalten muß man in der deutschen Medien- und Literaturlandschaft, in der die Beteiligten ständig Sorge haben, sie könnten einen potentiellen Anzeigenkunden/Auftraggeber/Leser verärgern, erst einmal Verleger finden. Denn diese Sorge gibt es selbst bei der taz, obwohl sie keine Anzeigenkunden und auch nicht viele Leser hat. Schon 1988 haben sie ihn dort rausgeschmissen, als er anläßlich des Frauentages, dessen Abfeiern er verlogen fand, die Medienseite mit Pornobildern schmückte. Seit dem schreibt er “frei” und hauptsächlich für die “Wahrheit”, eine Seite, für die die taz berühmt ist und die ohne ihn so nicht existieren würde. Wirklich leiden können sie ihn in der Chefredaktion bis heute nicht. Zu oft geißelt er linke Dogmatiker, die er nicht nur in den Reihen der taz-Leser ausmacht, sondern auch in denen der taz-Macher.

Droste ganz zu verjagen gelingt ihnen jedoch nicht. Auch wenn es schwierig zu schätzen ist, wie viele Fans er wirklich hat, und ob es davon auch außerhalb Kreuzbergs welche gibt, sind es offensichtlich genug, um ihn zu dulden. Einzelne Texte von Droste werden aber immer mal wieder aus dem Blatt gekippt.

Doch im Zweifel wird ihm auch das egal sein.