Die Filmverleiher des Sicherheitskinos

Erschienen in: "Jenseits von 1984: Datenschutz und Überwachung in der fortgeschrittenen Informationsgesellschaft. Eine Versachlichung", Transcript Verlag, Bielefeld 2013, 13.12.2016

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Kategorie: Analyse

Der Umgang der Presse mit Sicherheitsthemen – Zwischen Panikmache und seriöser Berichterstattung.

Der Schriftsteller Ephraim Kishon bezeichnete Medien einmal als “bellende Wachhunde der Demokratie”. Genau wie Wachhunde erfüllen sie eine Funktion, auch wenn sie im Zweifel einmal zu oft bellen: Sie sorgen für Aufmerksamkeit. Allerdings müssen sich Medien fragen lassen, wie gut sie in dieser Funktion sind, wenn sie ständig und immer bellen und nicht mehr zu unterscheiden wissen zwischen einem Briefträger und einem Einbrecher. Ja sie müssen sich fragen lassen, ob sie der Demokratie nutzen, wenn sie beim Briefträger Alarm schlagen, beim Einbrecher aber das Maul halten. Ein solcher Wachhund behielte seine Stellung nicht lange, doch leisten wir uns Medien, die genau das tun: wichtige Zusammenhänge ignorieren und unwichtige dramatisieren. Ein Beispiel, an dem sich dieses zeigt, ist der Umgang mit dem Thema Sicherheit und Kriminalität.

Im Jahr 1977 gab es – wie die Suche in einem großen, vor allem deutsche Medien umfassenden Archiv zeigt – 479 journalistische Texte, die das Wort “Terror” enthielten und 2.575 Artikel, in denen der Begriff “Terrorismus” vorkam. Im Jahr 2001 erschien demnach in deutschen Zeitungen und Zeitschriften bereits 14.820 Mal das Wort “Terror” und 12.042 Mal der “Terrorismus”.

Kein Wunder, ließe sich einwenden, es war immerhin das Jahr der Anschläge vom 11. September 2001 und der Beginn des internationalen “war on terror”. Doch auch 1977 war nicht irgendein Jahr. Es war das des “deutschen Herbstes”. In diesem Jahr ermordete die RAF Hanns Martin Schleyer und Generalbundesanwalt Siegfried Buback, entführten palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine “Landshut” und brachten sich die Führungsfiguren des deutschen Terrorismus im Gefängnis um. Im Straßenbild gab es mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten und in den Medien wurde die Rasterfahndung diskutiert und das Ende der Freiheit heraufbeschworen. Bis heute gilt dieser Zeitraum als eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik. Und die Mehrzahl der Taten des Jahres 1977 waren solche, die der deutschen Öffentlichkeit sehr viel näher waren als die unserer Zeit, geschahen sie doch nicht in New York oder Kabul, sondern in Bad Homburg, Köln oder Stuttgart.

Interessant an diesen Zahlen ist nicht nur die Zunahme der Häufigkeit der beiden Worte insgesamt in deutschen Medien, interessant ist auch, wie stark vor allem der “Terror” gewachsen ist und offensichtlich zum Synonym für Terrorismus wurde. Bedeutet das lateinische terroris doch den Schrecken. Nicht diejenigen also, die den Terror ausüben, die ihn als Instrument nutzen, um bestimmte Ziele zu erreichen, sind heute im Fokus der medialen Berichterstattung, sondern der Effekt, den sie mit ihren Taten eigentlich erzielen wollen – die Angst selbst.

Der Terror und seine eindeutigen Bilder sind im Konkurrenzkampf von Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet zu einem Verkaufsargument geworden, einem garantiert Aufmerksamkeit sichernden Reiz. Was jedoch angesichts der Funktion der Medien und angesichts der Komplexität des Themas heikel ist.

Dienstag, 4. September 2007. In Oberschledorn, einem Dorf mit 900 Einwohnern im Hochsauerland das zum nahen Medebach gehört, warten 300 Polizisten des Bundeskriminalamtes und der Spezialeinheit GSG9. Ihr Ziel sind Fritz G., Daniel S. und Adem Y., drei junge Männer, die in einer angemieteten Ferienwohnung versuchen, aus Wasserstoffperoxid Bomben zu bauen. Es ist die größte Polizeiaktion gegen Terroristen seit der Fahndung nach dem entführten Hanns Martin Schleyer 1977. Um 14.29 Uhr kommt der Befehl zum Zugriff, eine dreiviertel Stunde später meldet der Einsatzleiter Erfolg und die drei jungen Männer werden in den kommenden Wochen und Monaten im Land als “Sauerland-Gruppe” bekannt.

Bereits kurz nach der Festnahme gibt es erste Berichte, die entscheidenden Informationen verdankten Polizei und Bundesanwaltschaft der Überwachung des Mailverkehrs der Männer, ja möglicherweise einer Onlinedurchsuchung. Als im April 2009 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess gegen sie beginnt, werden Art und Umfang der elektronischen Überwachung nach und nach deutlicher.

Am 7. September 2009 erscheinen in zwei überregionalen Tageszeitungen Analysen über die von der Polizei eingesetzten Mittel. Sie kommen zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen.

So schreibt Anette Ramelsberger in der “Süddeutschen Zeitung”, die Täter seien ihren Überwachern fast entkommen. Die Überschrift lautet: “Täuschen, tarnen, tricksen – Wie es die Terrorverdächtigen immer wieder schafften, die Fahnder abzuschütteln”.

In dem Stück geht es unter anderem darum, dass Polizisten den E-Mailverkehr der drei abhörten: “Das glückte einige Monate lang gut. Aber ausgerechnet im August, als die entscheidende Phase der Anschlagsvorbereitung begann und es besonders wichtig für die Fahnder gewesen wäre, die Verdächtigen nicht aus den Augen zu verlieren, versiegte die Quelle. Zu dem Zeitpunkt, als die mutmaßlichen Täter ihre zwölf gehorteten Fässer mit Wasserstoffperoxid aus dem Versteck holen und mit der Herstellung von Sprengstoff beginnen wollten, spielten sie ein Verschlüsselungsprogramm auf einen ihrer Computer.”

Das klingt dramatisch, so als ob im entscheidenden Augenblick die Mittel der Polizei nicht mehr genügt hätten, um die Gefahr zu bannen. Gestützt wird der Eindruck noch durch ein Zitat: “Da wurden wir blind”, sagt ein ungenannter “Fahnder” der SZ. Und er sagt, was nach seiner Meinung und wohl auch nach Meinung der Autorin des Textes notwendig gewesen wäre, diese Bedrohung in den Griff zu bekommen: “Da hätte uns ein Trojaner geholfen, um da einzudringen.” Und als ob das noch nicht genügte, um auf das Problem hinzuweisen, wird anschließend noch einmal die Bedrohung verstärkt: “Die Täter versuchten in den letzten Wochen vor ihrem Anschlag sogar, noch weiteres Sprengstoffmaterial zu bekommen. Sie hatten bei ihrem Händler in der Nähe von Hannover bereits weitere Fässer geordert, berichten Geheimdienstler.”

Das hört sich gefährlich an. Als es ernst wurde, so legt der Text nahe, waren die Strafverfolger hilflos. Diese Bedrohung wird im Folgenden noch auf die Zukunft projiziert und so eine nicht absehbare und damit umso größere Gefahr beschworen: “Den Ermittlern geht es aber nicht nur um die Aufklärung dieses Falles, sondern bereits um den nächsten. Denn dass die Täter durch ihre Verschlüsselungsaktion der Polizei die Augen vernebelten, wird, wenn es zum Prozess kommt, vor Gericht eine Rolle spielen. Und die Angeklagten, ihre Hintermänner und mögliche Nachahmer werden daraus lernen, wie sie sich am besten schützen können. ‘Wir werden blind und taub, wenn wir hier nicht mithalten’, sagt ein hoher Sicherheitsverantwortlicher.”

Am gleichen Tag wie die “Süddeutsche Zeitung” beschreibt Friederike von Tiesenhausen den gleichen Sachverhalt in der “Financial Times Deutschland”. Ihre Überschrift lautet “Auf Augenhöhe mit den Tätern – Großer und Kleiner Lauschangriff wurden bei Überwachung eingesetzt”. Im Text heißt es:

“Weil es sich um einen Einzelfall handelt, ist die Aussagekraft der spektakulären Festnahme zweier deutscher islamischer Konvertiten und eines Türken im Sauerland begrenzt. Doch lässt sich am Ablauf des Falls zeigen, dass die deutschen Behörden dem islamistischen Terrorismus nicht hilflos gegenüberstehen. Die Beamten hatten genügend rechtlichen Spielraum, um die notwendigen Ermittlungen einzuleiten. Und sie verfügten über das Handwerkszeug, um den monatelangen Einsatz zum Erfolg zu führen. Vor allem bei den Überwachungsmethoden ist so ziemlich alles zum Einsatz gekommen, was das deutsche Polizeirecht zu bieten hat. ‘Wir haben sämtliche Register gezogen’, sagte gestern ein beteiligter Ermittler voller Stolz. ‘Wir waren auf gleicher Augenhöhe mit den Tätern, nicht auf ihren Fersen.’ Auch Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, stellt fest: ‘Wir hatten alles, was wir brauchten.’”

Sowohl Ramelsberger als auch von Tiesenhausen beschäftigten sich zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren mit dem Thema Innere Sicherheit und Terrorismus und arbeiteten für überregionale Tageszeitungen, die als seriös und liberal gelten. Eine Journalistin leitet aus dem Fall ab, es brauche schärfere Überwachungsinstrumente, insbesondere die Onlinedurchsuchung, die andere aber scheint sich dessen nicht so sicher. Von Tiesenhausens Analyse legt vielmehr den Schluss nahe, die Polizei sei gut ausgestattet und benötige keine weiteren Mittel.

Allerdings stellt sie an das Ende ihres Textes einen seltsamen Absatz. Ohne direkten Zusammenhang zum vorhergehenden Zitat folgt noch ein einschränkender Passus: “Wesentlich problematischer wäre die Überwachung für die Ermittler geworden, wenn die drei Dschihadisten Mitteilungen auf einer Festplatte gespeichert oder die Nachrichten verschlüsselt hätten. Dann hätte die Polizei heimlich auf den oder die Computer zugreifen müssen. Dies ist derzeit noch tabu. Für solche Fälle fordert Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die heimliche Onlinedurchsuchung.”

Also zwar jetzt gerade noch auf Augenhöhe, bei etwas clevereren Tätern aber schon nicht mehr? Von Tiesenhausen scheint zu zweifeln, ob es die Onlinedurchsuchung nicht vielleicht doch braucht. Verkauft allerdings wurde ihre Geschichte anders, wie die Überschrift und der Rest des Textes zeigen. Es ist nicht auszuschließen, dass der letzte Teil “hineinredigiert”, also von einem Kollegen geschrieben wurde, der den Text überarbeitete und die vorige Haltung relativieren wollte, weil er eine andere hegte.

Medien machen Meinungen, das ist keine neue Erkenntnis. Einige wollen es sogar tun, sehen es als ihre Aufgabe an. Das Beispiel zeigt, dass es dazu nicht einmal brüllender Überschriften und plakativer Metaphern bedarf. Klare Meinungsmache ist im deutschen Journalismus eher selten und vor allem BILD vorbehalten. Doch auch seriöse und unaufgeregte Berichterstattung transportiert Haltungen. Die Kunst liegt darin, den richtigen Zitatgeber zu finden und ihn die gewünschte Ansicht vortragen zu lassen, beziehungsweise nicht gewünschte Zitate nicht zu erwähnen.

Doch geht die Meinungsmache noch viel weiter. Verschiedene Studien haben untersucht, wie Medien Kriminalität darstellen. Allein schon in der Auswahl der berichteten Fälle zeigt sich eine Form von Stimmungsmache. Michael O’Connell forscht an der School of Psychology am University College in Dublin. 1999 beschäftigte er sich mit dem “media bias”, der Einseitigkeit der Medien beim Thema Kriminalität. Demnach beeinflussen sie die Wahrnehmung auf vier Wegen: indem sie häufiger schwere oder atypische Verbrechen präsentieren, indem sie schweren Verbrechen überhaupt viel Platz einräumen, indem sie meistens Taten auswählen, die verletzliche, also schwache Opfer und unverwundbare, daher starke Täter zeigen und indem sie grundsätzlich dem juristischen System pessimistisch gegenüber stehen.

Auch wenn sich die Studie auf Irland bezog, den Effekt, den diese Auswahl bewirkt, erleben wir auch in Deutschland – es ist die seltsame Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Kriminalität und der sehr viel größeren Angst vor ihr. Deutschland ist ein sicheres Land und hat stagnierende bis sinkende Kriminalitätsraten. Zumindest geben das die entsprechenden Statistiken an. Selbstverständlich zeigen diese nur ein Abbild des Anzeigeverhaltens der Bürger und der Aufklärungsarbeit der Polizei und sind somit selbst nur ein Teil des Bildes. Doch dürfte der in ihnen sichtbare Trend der objektiven Situation entsprechen und der zeigt nach unten. Seit 1993 gilt die polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes für das ganze Land als brauchbar. Und seit dem registriert sie überwiegend sinkende Tatzahlen. In nur fünf von siebzehn Jahren gab es Steigerungen in Höhe von ein bis zwei Prozent zum Vorjahr, nie jedoch über den Wert von 1993 hinaus. Seit 2005 sinken die Zahlen auf inzwischen einen historischen Tiefstand – Deutschland wird also immer sicherer.

Gleichzeitig aber fürchten sich viele Bundesbürger, Opfer eines Verbrechens zu werden. Zwar geht auch die Kriminalitätsfurcht zurück, wie Studien beispielsweise des Deutschen Instituts der Wirtschaft (DIW) zeigen. Immer noch aber ist die Angst vor Verbrechen wichtig. Bis Mitte der neunziger Jahre gehörte die Angst vor Straftaten regelmäßig zu den sieben wichtigsten Sorgen im Index der R+V Versicherung “Die Ängste der Deutschen”. Dann wurde diese Sorge verdrängt auf einen der hinteren Plätze. Um ab 2003 abgelöst zu werden von einer ähnlichen – der Sorge vor Terrorismus. Wie hieß es als Fazit in der Studie des DIW? Man rege an, “den Einfluss der Medien und der Politik auf das Kriminalitätsempfinden genauer zu untersuchen”. Denn: “Anhand der wenigen einschlägigen Studien gibt es zumindest Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass die Medien das Kriminalitätsthema in der Mitte der 90er Jahre weniger in den Vordergrund der Berichterstattung gestellt haben als noch zu Beginn der 90er Jahre.”

Damit kein Missverständnis entsteht: Hier soll nicht behauptet werden, dass Medien absichtlich oder gar mit Vorsatz täuschen und die Meinung beeinflussen. Doch hat ein Mechanismus, der in unserer Psyche wirkt, zur Folge, dass die Angst machende Nachricht größere Chancen auf Veröffentlichung hat, als die beruhigende: Der alarmierende Text in der “Süddeutschen” zur “Sauerland-Gruppe” stand auf der zweiten Seite des Blattes, der entwarnende in der “Financial Times Deutschland” auf Seite zwölf.

Wodurch nun wird der Umgang deutscher Medien mit Sicherheitsthemen bestimmt? Oder konkreter: Welche Mechanismen führen dazu, dass es aufklärende und abwägende Berichterstattung beispielsweise über Terrorismus schwer hat? Warum ist die Chance größer, dass eine Meldung gedruckt wird, die Ängste schürt?

Oberflächlich betrachtet lassen sich finanzielle Interessen anführen: Medien brauchen Auflage, also veröffentlichen sie, was Auflage bringt. Warum aber verkaufen sich besorgniserregende Berichte über Terrorismus gut, warum werden sie gelesen? Denn das werden sie, auch daran kann kein Zweifel bestehen. Onlinemedien, die noch strikter auf den direkten Anreiz der Leser, Klicks genannt, ausgerichtet sind, belegen das. Allein der seit sechzehn Jahren existierende Marktführer “Spiegel Online” hat in seinem Archiv “ungefähr 14.600″ Texte zum Thema “Terror” und 5670 zu “Terrorismus”, wie eine Abfrage via Google zeigt. Bald so viel also, wie die sogenannten klassischen Medien zusammen. Das Thema “zieht”, wie es unter Journalisten heißt, oder, wie es die Onlinekollegen formulieren würden: es “klickt”.

Warum, das kann die Psychologie erklären. Gleich mehrere Mechanismen wirken dabei. Einer heißt Risikowahrnehmung. Oder wenn man es verständlicher ausdrücken will: Bestimmte Dinge machen uns mehr Angst als andere, unabhängig von der tatsächlichen Gefährlichkeit der Ereignisse. Und leider steht Terrorismus dabei ganz vorn auf der Liste. Denn die drohende und plötzliche Katastrophe ist eines der Risiken, vor denen wir uns am heftigsten fürchten. Umso mehr, je geringer die Wahrscheinlichkeit des Eintritts ist und je mehr Tote es geben kann, wenn es dennoch geschieht. Die Explosion eines Flugzeugs am wolkenlosen Himmel jagt uns Schrecken ein, schleichende Bedrohungen dagegen unterschätzen wir. Lampenöl oder Rohmilchkäse etwa sind in unseren Augen harmlos, obwohl durch sie in Europa viel mehr Menschen sterben als durch Bomben.

Menschen sind nicht rational und somit auch Medien nicht. Dächten wir rational, müssten wir Terroristen kaum fürchten, trotz einheimischer Varianten wie RAF, IRA oder ETA und trotz der islamistischen Anschläge von Madrid und London. In den vergangenen sechs Jahren – das ist der Zeitraum, den das Worldwide Incidents Tracking System des amerikanischen National Counterterrorism Center NCTC beobachtet hat – starben bei Anschlägen in Europa insgesamt 499 Menschen. Von Autos umgebracht wurden in dieser Zeit fast 40.000 – jedes Jahr. Die Furcht, Opfer eines Attentats zu werden, hat nichts zu tun mit der tatsächlichen Gefahr.

Hingegen hat Lottospielen viel damit zu tun. Streng genommen sind es unsere Erwartungen und Hoffnungen, wenn wir gegen den Zufall wetten und Geld auf kleine Kugeln setzen, um zu gewinnen. Die Auswahl der Gewinnzahlen folgt keinem erkennbaren Prinzip und ist unabhängig von den Fähigkeiten oder Vorraussetzungen des Spielers. Die Tatsache, dass kaum jemand gewinnt und die Siegchance statistisch aberwitzig klein ist, schreckt trotzdem keinen ab. Wir sind so.

Leider nutzen Terroristen dieses Prinzip. Religion, Besitz oder Hautfarbe ihrer Opfer sind ihnen gleichgültig. Ihr Ziel ist der Jedermann. Wie beim Glücksspiel ist es unerheblich, wie viele Menschen tatsächlich getroffen werden oder wie oft die Täter zuschlagen. Die Beliebigkeit ist es, die Angst macht. Der Risikoforscher Ortwin Renn nennt es den “umgekehrten Lottoeffekt”: Irgendwer muss beim Glücksspiel gewinnen, also denken wir, warum nicht ich. Bei einem Attentat verliert garantiert jemand sein Leben und wir fürchten, das könnten auch wir sein. “Wenn etwas zufällig treffen kann und niemand weiß, wer der nächste ist, steigt die Besorgnis.” So etwas führe bei Menschen “zu einer fast mythologischen Angst”, sagt Renn.

Ein zweiter Mechanismus, der der Angst machenden Meldung Platz und Aufmerksamkeit garantiert, wird in der Forschung unter dem Namen Non-helping-Bystander-Syndrom diskutiert. Das beschreibt ein Phänomen, das jeder kennt: den Gaffereffekt. Warum tun wir nichts, wenn andere offensichtlich in Not sind? Warum bleiben wir überhaupt stehen und starren und gehen nicht einfach weiter, wenn wir schon nicht helfen? Die Ursachen sind die gleichen, wie die, die dafür sorgen, dass wir Berichte über Anschläge in Medien verschlingen. Die Theorie sagt, dass wir uns auf diese Art über Risiken informieren wollen, dass wir so versuchen abzuschätzen, wie groß die Gefahr für uns ist, einem ähnlichen Umstand zum Opfer zu fallen und dass wir versuchen, für uns selbst zu kalkulieren, wie wir in einer solchen Situation handeln würden.

Wir haben ein tiefes Bedürfnis, uns über Kriminalität und Gewalt in unserer Umgebung zu informieren und Medien bedienen das seit je, sei es in Büchern, Filmen oder Zeitungen. Brutale Bilder ziehen uns an und Medien, die solche präsentieren, gewinnen Leser.

Was nebenbei auch erklärt, warum wir so dankbar für eine Politik sind, die uns vorgaukelt, sie könne Risiken steuern, ja Gefahren reduzieren oder gar ausschließen. Wir gruseln uns gern ein wenig. Gleichzeitig aber wollen wir beruhigt und in Sicherheit gewiegt werden. Deswegen nehmen Berichte über immer neue Sicherheitsmaßnahmen in den Medien ebenfalls breiten Raum ein. Und deswegen muss man Texte, in denen beschrieben wird, dass irgendein zuvor beschlossenes Sicherheitsgesetz sinn- und wirkungslos war und deshalb abgeschafft wurde, lange suchen – so etwas kommt praktisch nicht vor. Wir hoffen, dass selbst objektiv nutzlose Normen irgendwann etwas nutzen können. So wie wir glauben, dass wir reich werden, wenn wir die Lottozahlen nach einem bestimmten Muster ankreuzen.

Journalisten sind Menschen, sie denken also genauso. Politiker auch, weswegen sie gar nicht auf die Idee kommen, Sicherheitsgesetze abzuschaffen. Im Gegenteil. Der Sicherheitsforscher Ortwin Renn formuliert es so: Früher habe man alles als Strafe Gottes begriffen und gleichzeitig dem göttlichen Ratschluss absolut vertraut. Die enormen Lebensrisiken zum Beispiel des Mittelalters hätten sich dadurch gut meistern lassen. Heute jedoch vertraut kaum noch jemand auf Gott, außer dem Wetter gilt fast alles als beeinflussbar. Dieser Einstellung trügen auch Politiker Rechnung, wenn sie nach Attentaten reflexhaft neue Sicherheitsmaßnahmen ankündigten. “Dieser Aktionismus ist vom objektiven Standpunkt aus irrational”, sagt Renn. “Doch er ist sinnvoll, da er die Wut, nichts tun zu können und damit das subjektiv empfundene Risiko mindert.”

Und der Aktionismus kostet nichts, in Zeiten hoher Staatsschulden eine schöne Beigabe. In ihrem Buch “Inszenierung: Innere Sicherheit” schreiben Ronald Hitzler und Helge Peters: “Es ist für demokratische Politiker immer reizvoll, die Kriminalitätsgefahr zu beschwören und scharfe Strafen zu fordern. Solche Beschwörungen und Forderungen können auf breite Zustimmung rechnen. Es werden keine wahlergebnisrelevanten Interessen verletzt. Wer die Erhöhung des Benzinpreises fordert, wird vielleicht Grüne auf seine Seite bringen, den schlichten Autofahrer aber verärgern. Wer die unnachsichtige Verfolgung von Verbrechern fordert, muss keine politisch relevante Gruppe fürchten. Er darf Beifall erwarten.”

Medien fungieren dabei als Teil des “politisch-publizistischen Verstärkerkreislaufs”, wie ihn Sebastian Scheerer bereits 1978 nannte. Sie sehen in solchen Forderungen geldwerte Informationen – Polizei und Politiker wiederum fassen die Berichterstattung anschließend als Beleg für Handlungsbedarf auf und starten entsprechende Aktivitäten. Medien, Strafverfolger und Politik instrumentalisieren sich wechselseitig, man könnte auch sagen, sie bilden eine Art Umwälzpumpe.

Die Rolle der Medien ist dabei die des Heizers, der dem Kreislauf immer neue Energie in Form von Aufmerksamkeit zuführt. Das ist die Währung im Kampf um Leser. Dieser Kampf ist schnell und laut und manchmal schmutzig und ihn gewinnt der erste und der emotionalste. Sie haben die größte Chance, Profit aus einem Ereignis zu ziehen. Was dazu führt, dass nicht der ausgewogene Kommentar oder die seitenlange Analyse nach einem Anschlag die Aufmacherplätze belegen, sondern knallende Überschriften, brutale Fotos oder noch besser Videos. Das Bild soll “für sich selbst stehen”, wie es im journalistischen Jargon heißt, es soll keiner weiteren Erläuterung bedürfen, sondern so schnell und direkt wie möglich ins Hirn gelangen. Wie eine Droge.

Wofür Orson Welles 1938 in seinem berühmt gewordenen CBS-Hörspiel “The War of the Worlds” sechzig Minuten brauchte, nämlich Angst und Besorgnis bei seinen Zuhörern auszulösen, das schaffen Bilder heute in Sekunden. Nicht umsonst strahlte der amerikanische Nachrichtensender CNN sein exklusives Video, auf dem zu sehen war, wie das zweite Flugzeug im World Trade Center einschlägt, wieder und wieder und wieder aus. Tagelang.

Doch die Faszination der Leser für das Thema ist nur ein Aspekt in der Beziehung von Medien und innerer Sicherheit. Mit ihm allein kann kaum erklärt werden, warum Gewalt und deren Bekämpfung einen so breiten und immer noch wachsenden Raum in der Berichterstattung einnehmen. Und das tun sie: In seiner Studie “Good Cop/Bad Cop: Mass Media and the Cycle of Police Reform” beschreibt der amerikanische Strafrechtsprofessor Jarret Lovell, dass in amerikanischen Medien “crime stories” dreimal so häufig zu lesen sind wie Berichte über den Präsidenten.

Interessant ist dabei vor allem, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten der sogenannte Nachrichtenwert gewandelt hat, der news value, wie ihn sein Erfinder Walter Lippmann nennt. Denn die Kriterien, nach denen Redaktionen auswählen, was berichtet wird und was nicht, verändern sich. So wird der “human touch” immer wichtiger, es muss “menscheln”, wie es im Branchenjargon heißt. Das meint nicht nur Klatschgeschichten, sondern auch Berichte über Kriminalität, die immer ein klares Täter-Opfer-Schema liefern und damit eine Orientierung des Lesers/Hörers/Sehers erleichtern. Das Schlagwort dafür lautet “Boulevardisierung”. Auch Konflikte spielen eine wachsende Rolle, seien es nun Kriege oder familiäre Streits. Klassisch politische Berichte hingegen werden seltener. Untersucht haben das unter anderem Georg Ruhrmann und Roland Göbbel. Sie schreiben, die Kriminalitätsberichterstattung der privaten Medien sei “mit bis zu acht Prozent viermal so hoch wie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern mit maximal zwei Prozent”. Auch bei Katastrophenmeldungen dominierten “sichtbar” die Privaten.

Das Thema Sicherheitspolitik, das all diese Geschichten und Möglichkeiten bietet, ist prädestiniert für eine durch Sensationen getriebene Berichterstattung. Gleichzeitig gibt es immer mehr private Medien und damit einen immer stärkeren Drang zur Boulevardisierung auch in öffentlich-rechtlichen Redaktionen. Und es gibt das Internet, das diese Prozesse noch beschleunigt. Die Frage, wie Medien zu Sicherheitsthemen stehen, ließe sich also kurz beantworten mit: Sie lieben sie, sie finden sie sexy. Sicherheitsthemen haben alles, was Aufmerksamkeit garantiert, sie wecken Emotionen bei den Empfängern, sie bieten Orientierung im Sinne von Gut und Böse, sie lassen sich Personalisieren und Skandalisieren. Das dabei Stereotype transportiert, Konflikte geschürt und Ausgrenzung forciert werden, wird von den vielen Journalisten vielleicht bedauert, aber im Zweifel wohl in Kauf genommen.

Welche Wirkung das entfalten kann, erlebte ein junges Paar in seinen Flitterwochen. Knapp zwei Monate nach der Festnahme der “Sauerland-Gruppe” stürmten Polizisten ein Ferienhaus am Rand vom Hamwiede, einem zu Walsrode gehörenden Ort in Niedersachsen. Sie fürchteten, dort islamistische Terroristen zu finden. Denn Einwohner hatten dem Landeskriminalamt gemeldet, ein “etwa 30-jähriger Mann südländisch-orientalischer Herkunft und eine etwa 25- bis 30-jährige, sehr gut deutsch sprechende Frau” hätten das Haus gemietet, unmittelbar nach der Anreise bar bezahlt, sich seitdem aber kaum noch gezeigt und die Vorhänge auch tagsüber zugezogen. Außerdem liege das Haus “abgelegen am Ortsrand in einem Wald” und über das Grundstück sei “direkt ein an der A 27 befindlicher Rastplatz der Bundesautobahn” zu erreichen. Wie die “taz” später berichtete, machte sich das Landeskriminalsamt Niedersachsen nicht die Mühe, diese vagen Informationen zu prüfen. Sie genügten den Beamten vielmehr, um die örtliche Polizei einzuschalten und der reichten diese Hinweise, um mit acht Mann anzurücken und ohne Hausdurchsuchungsbefehl gegen 22 Uhr in das Gebäude einzudringen. Sie fanden dort ein verschrecktes Paar in seinen Flitterwochen, das anschließend einen Anwalt einschaltete, um den Überfall gerichtlich aufarbeiten zu lassen.

Als Ursache dieses Vorfalls kann getrost Terrorangst angenommen werden. Geschürt auch und gerade durch die Medienberichte in den Wochen zuvor über die “Sauerland-Gruppe”.

“Wir hatten bisher nur sehr, sehr viel Glück. Bis jetzt”, lautete die Unterzeile eines Textes über vereitelte oder schief gegangene Attentate in Deutschland. Er erschien am 15. Februar 2008 im Magazin der “Süddeutschen Zeitung”, nicht unbedingt bekannt für schreiende Aufmachung und platte Parolen. Sein Titel lautete: “Der Tod vor der Tür.” Man kann die Lage tatsächlich so interpretieren, wie es die Autorin tat und annehmen, dass es allein Glück war, was uns in Deutschland bislang vor einem tödlichen Anschlag bewahrte. Man könnte jedoch auch annehmen und aufschreiben, dass die Arbeit der Polizei und der Staatsanwaltschaften effektiv und erfolgreich ist. Und dass es kompliziert ist, eine funktionierende Bombe zu bauen – komplizierter, als die vielen Berichte über die Möglichkeiten heutiger Terroristen nahe legen. Fakten zumindest gibt es, die diese etwas weniger aufregende These stützen.

Die Bomben, die im Sommer 2006 in zwei Kölner Regionalzügen detonieren sollten, taten es nicht, weil sie dilettantisch gebaut waren, oder, wie es die Generalbundesanwaltschaft beschrieb: die Sprengsätze konnten “konstruktionsbedingt nicht explodieren”.

Solche Beispiele gibt es in der Geschichte des “Homegrown-Terrorismus” einige – denn die Ausbildung der schnell radikalisierten Täter ist dürftig, oft beziehen sie ihr Wissen aus den von der Politik so verteufelten “Bombenbauanleitungen im Internet”. Aber gerade flüssige Sprengstoffe wie sie auch die “Sauerland-Gruppe” einsetzen wollte, bergen Risiken und sind schwer zu handhaben. Der letzte erfolgreiche Anschlag mit Flüssigsprengstoff auf ein Flugzeug wurde 1987 von zwei nordkoreanischen Agenten ausgeführt, Profis mit einer professionellen Bombe.

Wer industrielle oder militärische Sprengstoffe benutzen kann und Experten hat, um sie mit einem Zünder zu verdrahten, wie beispielsweise die Hisbollah oder die IRA, der sprengt auch etwas in die Luft. Wer so etwas zum ersten Mal versucht, in dem er sich an Anleitungen aus dem Internet oder aus Chemiebüchern hält, hat große Chancen, in erster Linie sich selbst zu schaden. Erzählt werden solche Geschichten aber sehr viel seltener.

Genau wie diejenigen, die von erfolgreichen Ermittlungen und dank diesen von verhinderten Attentaten handeln. Dabei gibt es einige verhinderte Attentate in Europa: im Dezember 2000 auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg, im September 2002 auf amerikanische Militäreinrichtungen, im Dezember 2004 auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten in Berlin, im April 2004 auf jüdische Einrichtungen in Berlin, im November 2006 auf ein israelisches Flugzeug in Frankfurt. Auch Ramelsberger zählt in ihrem Text im SZ-Magazin einige davon auf und spricht von erfolgreicher Polizeiarbeit. Überschrift und Unterzeile aber suggerieren etwas anders – wir haben allein Glück, das nichts passiert. Glück?

Unter der Überschrift “Hallo, Orwell!”, führte der “Stern” im April 2007 ein Gespräch mit dem im Magazin so bezeichneten “Großen Bruder”. Gemeint war nicht die nebulöse, alles überwachende Macht aus George Orwells fiktivem Werk “1984″, gemeint war der damalige Innenminister der schwarz-roten Koalition, Wolfgang Schäuble. Die Fragen, die die Interviewer Stefan Braun und Hans Peter Schütz dem Minister stellten, sind prototypisch für das Handeln deutscher Medien, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Schäubles Antworten im Übrigen auch. Ein Ausschnitt:

Stern: “Wir sind gerne hysterisch, wenn es darum geht, dass unser Innenminister unfreiwillig das Geschäft der Terroristen besorgt, indem er die freiheitliche Gesellschaft so abschnürt, dass die Freiheit stirbt.”

Schäuble: “Das ist nun wirklich Unsinn. Wenn man Passbilder heute elektronisch speichert, dann ist es nur richtig, darauf auch elektronisch Zugriff zu haben und dafür die rechtliche Grundlage zu schaffen. Das kann einen solchen Vorwurf nicht rechtfertigen. Durch die öffentliche Darstellung gewinnt man den Eindruck, die Leute hielten mich für einen Besessenen.”

Stern: “Wir tun das auch. Sind Sie besessen?”

Schäuble: “Nein. Ich bin überhaupt nicht besessen. Ich bin ein Mann, der um die Verantwortung eines Innenministers weiß, der für die Sicherheit der Menschen in diesem Land zuständig ist. Wir machen nicht immer neue Sicherheitsgesetze. Wir tun, was wir tun müssen: Durch die Föderalismuskommission hat das Bundeskriminalamt die Befugnis für die Gefahrenabwehr im Kampf gegen den internationalen Terrorismus erhalten. Dafür müssen wir die rechtliche Grundlage schaffen. Und ich werde das mit der nötigen Mischung aus Entschlossenheit und Gelassenheit tun.”

Etwas später heißt es im Interview: “Wegen dieser Geißel wollen Sie das Land in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln.”

Schäuble: “Unsinn. Mit solchen Übertreibungen missbrauchen Sie die Bürger, weil Sie ihnen Ängste einreden, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.”

Stern: “Wir schüren keine Ängste, die Politik löst Ängste aus. Ausdehnung der Maut-Technik, Speichern der Fingerabdrücke, Onlinerecherche des BKA – wo soll das enden?

Schäuble: “Wir müssen akzeptieren, dass die gesellschaftliche und technologische Entwicklung immer weitergeht. Früher musste man nicht mit Anschlägen wie den glücklicherweise gescheiterten Kofferbombenattentaten in deutschen Regionalzügen rechnen. Alle Experten sagen, es sei nicht eine Frage des Ob, sondern nur noch eine Frage des Wann des nächsten Anschlags. In dieser Zeit leben wir.”

Natürlich soll und niemand in falscher Sicherheit wiegen, uns erzählen, es könne nichts passieren. Ständiger Alarmismus aber ist garantiert ein Ausschlag des Pendels in die falsche Richtung. Eine Richtung, vor der beispielsweise auch die Wochenzeitung Die Zeit nicht gefeit ist die als sozialliberal und ausgewogen argumentierend gilt. Sie fordert von Schäubles Nachfolger im Amt des Innenministers, Thomas de Maizère, geradezu solchen Alarmismus. Unter der Überschrift “Liberallala” schreibt Bernd Ulrich dort in einem Aufmachertext über den Nachfolger Schäubles: “Doch warum die Partei spätestens seit dem Amtsantritt von Thomas de Maizière als Innenminister auch noch bei der Inneren Sicherheit auf einen liberalen Kurs geht, bleibt unerfindlich. Dass sie es tut, ist nicht nur für die Union eine Gefahr. Schon wenige Tage nach seiner Vereidigung verkündete de Maizière in einem Interview: ‘Ich kann mit dem Begriff ‘Innere Sicherheit’ wenig anfangen. Mir gefällt ‘Innerer Friede und öffentliche Sicherheit’ besser.’ Ein CDU-Innenminister, der als erste Amtshandlung den handfesten und jedem bekannten Begriff ‘Innere Sicherheit’ durch eine schwammig-technokratische Formulierung ersetzt, an wen richtet der sich eigentlich? An diejenigen, die sich verunsichert fühlen von Terrorismus, Straßenkriminalität oder Sexualverbrechern? Oder an jene kleine Elite liberaler Juristen, die schon längst bei Grünen, FDP und SPD ihre politische Heimat gefunden haben?” Nicht scharf genug sei der Minister, lautet der Vorwurf des Autors, die Union habe sich “von einer Politik von Recht und Ordnung” abgewandt und damit das Land der Unsicherheit und der Gefahr Preis gegeben.

Was können Politiker aus solchen Texten lernen? Dass sich liberales Handeln nicht auszahlt. Das Volk wünscht “Law-and-Order”, wie Ulrich es nennt. Also bekommt es das auch. “Wenn nicht das gesamte Instrumentarium ausgeschöpft wird, könnte sich die organisierte Kriminalität so ausbreiten, dass die Demokratie gefährdet ist”, sagte der CSU-Politiker Günther Beckstein schon 1998. Der Anspruch, der darin steckt, ist der von absoluter Kontrolle. Keine Handbreit Boden darf von der Politik aufgegeben, keine Unsicherheit zugelassen werden. Unwichtig, ob es etwas nützt, oder nicht.

Noch dazu, da die Unternehmungen, die etwas nützen würden, unglaublich teuer und langfristig sind, also nicht für die politische und mediale Vermarktung taugen. Wollte man die Sicherheit erhöhen, schreibt der amerikanische Sicherheitsexperte Bruce Schneier in seinem Essay “Rare Risk and Overreactions”, müsse der Fokus auf dem eigentlichen Risiko liegen, der Gemeinsamkeit aller Attentäter. “Und nicht auf der konkreten Bedrohung, ein Flugzeug mit Flüssigsprengstoff in die Luft zu jagen.” Denn die Gefahr sei nicht der einzelne Attentäter mit seiner Waffe, sondern es seien “troubled young adults”, junge Erwachsene mit Problemen und ohne Perspektive.

Statt Gesetzen zur Überwachung der Bevölkerung bräuchte es also Programme gegen Armut und Hoffnungslosigkeit. Die aber spielen im Kampf gegen internationalen Terrorismus keine Rolle, weil sie teuer und mühsam sind.

Aber es geht auch noch um etwas anderes: um unseren Wunsch, alles im Griff zu haben, jede Lage zu beherrschen. Terrorismus aber lässt sich nicht beherrschen. Er ist wie all unsere gesellschaftlichen Probleme so komplex, dass Hilfe auf vielen Ebenen ansetzen müsste, noch dazu langfristig geplant, finanziert und überprüft: viele unpopuläre Entscheidungen, viele verschiedene Interessen, viele Möglichkeiten der Niederlage. Wie einfach ist es dagegen, Polizisten heimliche Durchsuchungen zu erlauben oder wie in den USA geschehen Geheimdiensten das Foltern. Brutal? Antidemokratisch? Sicher. Doch die vermutete Wirksamkeit, der Symbolgehalt sind ungleich höher. Und der Symbolgehalt ist es, auf den Menschen reagieren. Uns ist wichtig, dass irgendetwas passiert, schnell. Langfristige Folgen kann kaum jemand überblicken. Sicherheitspolitik bekämpft nicht den Terrorismus, sie bekämpft die Angst davor. Sie ist Sicherheitskino, das mit schönen Bildern beruhigen soll. Und Medien sind dabei die Filmverleiher.

Ein letztes Beispiel, das noch einen Aspekt des Problems vom Umgang der Medien mit dem Thema Sicherheit zeigt. “Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffs”, lautete eine Überschrift am 6. September 2007 in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, wenige Tage nach der Festnahme der sogenannten Sauerlandgruppe. Und in der Unterzeile hieß es: “In einer Garage in der sauerländischen Provinz wurde eine verheerende Anschlagsserie geplant”. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch wenig bekannt ist über die Attentäter und die von ihnen gewählten Waffen, stellt die Zeitung und die Polizei, von der der Vergleich stammt, Assoziationen her zwischen den gerade festgenommenen und dem Attentat von Madrid. Im Sauerland ist nichts passiert. In Madrid starben 2004 bei insgesamt zehn gleichzeitigen Anschlägen auf Vorortzüge 191 Menschen, mehr als 2000 wurden verletzt. Zwanzig Mal so viel wie diese Taten ist eine Dimension, die Angst machen kann und soll. Drei Jahre nach der Festnahme gab es dann Berichte, das Wasserstoffperoxid im Sauerland sei nachgerade ungefährlich gewesen, da Beamte des Bundesnachrichtendienstes das von den Tätern gekaufte Material im Juli 2007 gegen eine “harmlose Ersatzflüssigkeit” ausgetauscht hätten.

Das Problem ist: Journalisten sind beim Thema Sicherheit vor allem auf eine Quelle angewiesen, auf die Polizei. Weitere – abgesehen von den Opfern – gibt es meistens nicht oder sie sind für Journalisten nicht erreichbar. Die Informationen, die zur Verfügung stehen, sind damit nicht unabhängig überprüfbar und einseitig. Und nicht nur Medien konstruieren unser Bild der inneren und äußeren Sicherheit. Auch die Polizei und die Staatsanwaltschaften tun dies, zum Teil sehr bewusst. Und sei es aus der Notwendigkeit, bestimmte Informationen geheim halten zu müssen, um Involvierte nicht zu gefährden.

Ein Grund mehr für Berichterstatter, sich dem Thema vorsichtig und analytisch zu nähern. Beherzigt wird es trotzdem selten. Wir sind so.

Quellen:

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Die endgültige Version des Textes erschien in dem Buch “Jenseits von 1984: Datenschutz und Überwachung in der fortgeschrittenen Informationsgesellschaft” des Transcript Verlages Bielefeld. Der Abdruck hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Eine Weiterverbreitung ist untersagt.